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Was bedeutet dokumentarische Familienfotografie?

Mein Papa hat alles dokumentiert. Jetzt nicht so ästhetisch wie ich das mit meiner Kamera mache. Er ist ja auch Mathematiker. Ganz pragmatisch und schonungslos musste erst mal überall drauf gehalten werden. Ich habe da so Bilder in meinem Kopf, die ohne seine Fotos schon längst verblasst wären.
Durch ihn haben sie Bestand. Das ist jetzt nicht immer so wahnsinnig toll, vor allem nicht wenn sie meinen Bruder mit heruntergezogener Hose im Flur zeigen nebst Kackhaufen auf dem 80er Jahre Musterlinoleum. Oder meine Schwester und ich nach einem Streit gemeinsam bockig auf der Couch liegend, welche kaum noch die Last des Sockenberges tragen kann. Aus Rücksicht auf den Familienfrieden verzichte ich auf das Zeigen dieser Bilder und füge einfach ein paar andere Bilder bei (ja, ich war Kelly Family Fan und ich schäme mich nicht dafür. Viel schlimmer finde ich die Poster meiner Schwester). Ganz gleich wie sie fotografiert wurden.

Aber bei der dokumentarischen Fotografie geht es eben um das Wie und das Warum.

Die dokumentarische Fotografie hat laut Wikipedia die „Motivation, ein fotografisches Dokument herzustellen, das für das Festhalten der Realität, als Zeit-Dokument, als Appell oder auch Warnung genutzt werden soll. Diese fotografischen Dokumente stellen dabei jedoch keine objektive, sondern eine subjektive Betrachtung dar.“

Dokumentarisch haben Familien übrigens schon seit langer Zeit fotografiert. Der professionelle Ansatz findet hier in Deutschland jedoch erst langsam Einzug.
Und damit eben auch die Idee, den Familienalltag zu zeigen mit ästhetischem Anspruch jedoch ohne sie bloß zu stellen oder die Würde einzelner Personen zu verletzen.
Also sprich, alles andere als das was mein Papa gemacht hat.

 

Da kommen wir zu dem Wie und dem Warum.

Wenn man von dokumentarischer Familienfotografie spricht, fallen zugleich Worte wie ungestellt, authentisch und nicht anleitend.
Im selben Atemzug kommen uns Bilder wie der tomatenverschmierte Mund des Sohnes, der Wäscheberg auf dem Sofa oder dass vom Hinfallen weinende Kind in den Sinn.
Wie und warum fotografiere ich diese Szenen und welche Verantwortung wächst daraus an uns Fotografen? Wir wollen dem ästhetischen Anspruch gerecht werden und keine inhaltslosen Werke produzieren, unseren Bildern durch Komposition, Lichteinfall und Bildbearbeitung Ausdruck verleihen. Gleichzeitig führt uns das Warum zu den Bildern. Wie wir selbst Familie leben, wie wir die Familie sehen, was wir fühlen und wie wir denken. Diese beiden Dinge beeinflussen die dokumentarische Familienfotografie und genau deshalb ist es wichtig, formale und ethische Regeln einzuhalten. Sie geben uns den Rahmen, in dem wir uns bewegen können und sie definieren den dokumentarischen Bereich.

Wir sind Beobachter, Journalist und Fotograf. Wie es einleitend im Kodex des deutschen Fachjournalistenverband steht:
„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.“ (Hanns-Joachim Friedrichs, 1927-1995).
Deshalb bedienen wir uns dem Verhaltenskodex der NPPA (Code of Ethics – National Press Photographers Association) in dem unter anderem steht:

 

Wir stellen die Dinge umfassend und genau dar. Sprich, wir zeigen alle Facetten der Familie und nicht nur die, die wir gerne selber sehen wollen. Also nicht nur Kuschelbilder, weil ich selbst ein harmoniebedürftiger Mensch bin.

Wir manipulieren nicht. Heißt, wir greifen nicht in das Geschehen ein. Wir sagen der Familie nicht, wo sie sich jetzt hinstellen soll weil das Licht schöner ist.
Wir nehmen nicht das Kissen beiseite weil es störend für die Komposition ist. Der Papa wirft das Kind kein zweites oder drittes Mal in die Luft, damit wir das gluckzen fotografieren können. Es sei denn, er macht das freiwillig. Wir geben auch keine Locations- oder Kleidungstipps im Vorfeld.

Wir vermeiden es eigene Vorurteile oder Stereotypen zu zeigen wenn wir Einzelpersonen oder Gruppen in Beziehungen zueinander fotografieren. Wir zeigen Familie in jeglichen Formen. Der Junge, der sich bunte Kleider anzieht, das Mädchen, welches mit dem Holzschwert durch den Wald rennt. Allerdings können wir Klischees auch bedienen, wenn sie der Wahrheit entsprechen.

Wir gehen respekt- und würdevoll mit den Familien und den entstandenen Fotografien um.
Das heißt, wir fotografieren sie nicht in entwürdigenden Situationen, oder Momenten, die sie als peinlich empfinden. Dies gilt im Besonderen bei der Veröffentlichung der Bilder. Es gibt Persönlichkeitsrechte und Veröffentlichungsrechte, nach denen wir uns richten. Wir haben oft einen intimen Einblick in das Leben der Familien. Das ist eine große Vertrauensbasis und schützenswert.

 

Denn wir entscheiden letztendlich über das, was zu sehen sein wird.
Dokumentarisch zu fotografieren ist damit eine subjektive Wahrnehmung. Und trotzdem kann es wahrhaftig sein.
Wir als Fotografen sehen die Geschichte, das große Ganze und halten in dem uns festgesteckten Rahmen die Abläufe der Familie fest.
Die Rituale, die Gefühle und die Beziehung zueinander.

 

 

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