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Umzug in ein neues Bueroleben

In 2019 traf ich den Entschluss.
Nach über 3 Jahren Homeoffice wollte ich raus. Ich wollte Schluss machen.
Schluss mit Bildbearbeitung im Pyjama.
Schluss mit Katzenmonologen.
Schluss mit Geschirrspüler ausräumen während die Onlinegalerie hochlädt.

Ich wollte wieder in einem Büro mit Menschen sitzen.
Bitte was? Wird mich jetzt der Großraumbüromitarbeiter entsetzt fragen.
Richtig. Ich wollte wieder ein ganz alltägliches Arbeitsleben. Mit allem was dazu gehört.
Die Kinder aus dem Haus verabschieden, einen Schluck Tee mit meinem Mann genießen,
mich fertig machen, aufs Rad schwingen und ins Büro radeln.
Das wuselige Treiben einer erwachenden Stadt erleben, den Fahrtwind im Gesicht spüren.
Inspiration für den Tag holen.
Im Büro angekommen, den Tag mit anderen kreativen Menschen besprechen und dann die Aufgaben
des Tages konzentriert abarbeiten. Mittags gemeinsam etwas kochen, Zeit sich auszutauschen.
Das Mittagstief mit der letzten Motivation überwinden. Und dann den Schlüssel fürs Büro schnappen.
Zuschließen. Die Arbeit hinter mir lassen. Mit dem Gefühl nach Hause fahren, etwas geschafft zu haben.
Und dann wartet nur noch meine Familie. Okay. Der Haushalt auch.

Was hier so romantisch klingt, ist für die Mehrheit sicherlich ein schrecklich durchschnittlicher Büroalltag.
Aber für mich bedeutet es Struktur und Unabhängigkeit.
Gerade als Mutter und selbständige Fotografin.

Aus der 20-Stunden-Tätigkeit heraus, mit zwei Kindern und einem arbeitswütigem Mann, ging ich
nebenberuflich in die Selbständigkeit. Später hauptberuflich. Aus dem Laptop im Wohnzimmer wurde
das Kabuff* mit Monitor und Drucker. Es fühlte sich so richtig gut an.
Ich konnte von Zuhause aus Arbeiten und gleichzeitig alles rund um die Familie flexibel organisieren.
Perfekt. Die absolute Freiheit.
Doch was keiner gesagt hat, es Bedarf absoluter Disziplin. Ich musste das Wort erst mal nachschlagen
um zu verstehen was es bedeutet.
Und so wurde aus dem wohlgemeinten Satz: Homeoffice hilft, Familie und Beruf zu vereinbaren,
die Wahrheit aus der aktuellen AOK-Studie: Arbeiten im Homeoffice macht unglücklich.

Warum?
Weil Arbeit und Privates verschwamm. Das war auch nicht einfach da, sondern es war ein schleichender Prozess.
Am Anfang war es einfach praktisch. Ich konnte bis Mittag arbeiten, zwischendurch den Haushalt schmeißen,
wenn die Kinder nach Hause kamen mich um sie kümmern und wenn sie im Bett waren, nochmal an die Arbeit
setzen. Erste Zweifel kamen, als mich meine Tochter unter Tränen anrief, dass ich ihr unbedingt den
Französischhefter in die Schule bringen sollte, damit sie keinen Eintrag wegen fehlender Unterrichtsmaterialien
bekommt.  Endgültig klar wurde es mir, als ich in meiner Mittagspause anfing mit Konsummitarbeitern* Smalltalk
zu betreiben
. Ich war isoliert, unproduktiv und mein Büro zur Hauptschaltzentrale aller privaten Angelegenheiten
umfunktioniert. Es war frustrierend und machte mich unglücklich. Ich fühlte mich gestresst von Arbeit und Familie.
Ich konnte weder meinen Job als Mutter gut erfüllen, noch den als Unternehmerin.
Das musste ein Ende haben.
Ich wollte wieder fokussierter in meiner Selbständigkeit sein. Mich und mein Business wieder ernster nehmen
und meine Aufgaben innerhalb der Familie neu definieren.
Ein Abnabelungsprozess von meiner Familie quasi.

Und der startet jetzt. Januar 2020.
Ich beziehe mein eigenes Büro. Besser gesagt, ich ziehe in eine Bürogemeinschaft mit lauter kreativen Köpfen.
In einem alten Ladengeschäft mit Sicht auf die belebte Straße.
So hab ich es mir vorgestellt.
Und merke jetzt schon den beginnenden Prozess.
Die Selbstverständlichkeit als Mutter und Hausfrau immer verfügbar zu sein fällt weg.
Die bewusste Wahrnehmung, dass ich nicht nur immer arbeite, sondern in der Schulzeit arbeite,
und in der Familienzeit für meine Kinder da bin. Und für meinen Mann.
Und mein Mann für mich. Ich fühle mich klarer denn je. Motivierter denn je.
Ab sofort gibt es eine räumliche Trennung zwischen beruflichem und privatem. Zum Wohl und zum Schutz
meiner Familie. Und zur Selbstachtung.

Ob es funktionieren wird?
Ich weiß es nicht. Ich folge meinem Gefühl. Wenn es mir gut geht, geht es auch meiner Familie gut.
Und die Freiheit als Selbständige ist es, die eingefahrenen Arbeitsroutinen nach Belieben ändern zu können.
Vielleicht gibt es im Sommer auch wieder Homeofficetage. Mit Bikini, Müsli und Laptop auf dem Balkon.

 

*Kabuff: umgangssprachlich. Kleiner, fensterloser Raum. Meist Abstellraum. Oder eben Büro.
*Konsum: in Sachsen ausgesprochen Goonsuuum. Einkaufsmarkt zu DDR-Zeiten. Konsumgenossenschaft. Meine Einkaufsmöglichkeit um die Ecke.

 

 

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