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Mein Abnehmerfolg - oder wie ich zu mir selber fand

Ich musste nie auf meine Figur achten. Ich aß was ich wollte, trank was ich wollte. Die Kilos fielen einfach von mir ab. Bis zur Geburt meiner Töchter. Auf einmal wurde ich rund. Na okay. Weiblich. Ich hatte auf einmal Rundungen, an Stellen an denen ich keine Rundungen erwartete. Mein Bauch wellte sich wie die Endmoräne durch die deutsche Landschaft (Geographiefreak ab Klasse 6), und meine eh viel zu klein geratenen Brüste fügten sich nicht mehr in dieses Landschaftsbild ein. Ich fühlte mich unwohl in meinem Körper. Wollte ihn nicht akzeptieren. Mein Körper sollte wieder so aussehen, wie ich ihn 15 Jahre bewusst wahrgenommen habe.

Dann kam 2017. 12 Jahre nach der Entstehung jener Gletscher meines Körpers, pardon, nach meinen Schwangerschaften.

Ein Foto aufgenommen aus der Vogelperspektive. Ein Teller mit Essen und ein Getränk stehen auf dem Couchtisch. Kinderfüße ragen ins Bild hinein. Stützen sich auf dem Couchtisch ab.
Früher konnte ich essen, was ich wollte.

Es hat Klick gemacht

Ich hatte diesen typischen Moment auf den man wartet. Der Schaöter wurde umgelegt. Es hat Klick gemacht. Wie es dazu kam? Sagen wir mal so. Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände die zu einem brennenden Kühlschrank führten, eine Fahrt im Krankenwagen folgte, und in der Notaufnahme endete. Und ein Arzt im Entlassungsbericht schrieb: weiblich (korrekt), adipös (bitte was?).

Adipös? Das sind doch so Menschen die so richtig dick sind. Ich meine, denen man es so richtig ansieht. Die den ganzen Tag ungesundes Zeug in sich hineinstopfen und Sport lediglich von der Couch aus im TV kennen. Und das sollte ich sein?

Sie haben Übergewicht und sollten ernsthaft versuchen abzunehmen!

Sofort setzte ich mich ans Internet und googelte diesen gefürchteten Begriff. Okay da stand es. Adipös ist ein medizinischer Begriff. Und bedeutet Fettleibigkeit. Jahaa. Ich bin fettleibig. Hat mir ein Arzt bescheinigt. Klicke auf einen beliebigen Link der ersten Google Results und du findest gleich den nächsten gefürchteten Begriff: BMI. Kurz für Body-Maß-Index. Der besagt, wie adipös ich bin. Toll. Praktisch, dass auch gleich ein Body-Maß-Rechner angeboten wird. Schnell alle Daten eingeben und je nach der Geschwindigkeit deines Internetanbieters - zack- das Ergebnis. 30 = Body Mass Index (BMI). Sie haben Übergewicht und sollten ernsthaft versuchen abzunehmen!

Da stand es. Schwarz auf Weiß. In fetten Buchstaben. Wie witzig. Denen werd ich es zeigen. Diesen dicken Buchstaben. Diesem adipösen Arzt. Die werden mich nie wieder als adipös bezeichnen. Ich habe ab jetzt alles unter Kontrolle. Meine Kalorien. Mein Gewicht. Meinen Heißhunger. Disziplin ist das Zauberwort und Ernährungsumstellung. Meine Schilddrüsenunterfunktion ist keine Ausrede mehr. Dreimal die Woche 10 Kilometer laufen, zweimal Krafttraining. Fleisch nur noch einmal die Woche. Kein Zucker, kein Alkohol und nur 1500 Kalorien pro Tag. Viel Gemüse, viel Wasser. Ich habe jetzt nicht nur eine Waage im Schlafzimmer die ich täglich nutze, sondern auch in der Küche.

Alles wird penibel aufgeschrieben. Natürlich in einer Exceltabelle. Da ist alles so übersichtlich. So kontrolliert. So berechnend. Da protokolliere ich meinen Hüftumfang, mein Gewicht, meine Kalorien. Und ich sehe meine Erfolge. Zur Sicherheit mache ich Fotos. Hab auf Instagram gesehen, dass man das so macht. Das Foto ist eine wertvolle Erinnerung. Das erzähle ich schließlich auch meinen Kunden.

Eine Frau steht am Wegrand im Joggingoutfit und schnürt sich die Sportschuhe. Im Hintergrund ist Wald und ein Fluss zu sehen.
Dem inneren Schweinehund entlaufen.

Wie ich mit so viel Disziplin meinen inneren Schweinehund so richtig in den Allerwertesten getreten habe.

Und während sich in den Wintermonaten Menschen ein Winterfell zulegen, arbeite ich an meiner Bikinifigur. Es funktionierte. Innerhalb von 7 Monaten war ich 17 Kilo leichter. WOW. Ich bin von mir selber überrascht. Wie ich das hinbekommen habe. Wie ich mit so viel Disziplin meinen inneren Schweinehund so richtig in den Allerwertesten getreten habe. Ich fühle mich gesund und vital wie nie zuvor.

Eine Kleidergröße kleiner. Die Klamotten in meinem Kleiderschrank passen nicht mehr. Ich gehe einkaufen. Im Klamottenladen nehme ich vorsichtig die Jeans in meiner alten Größe. 44. Nicht das ich doch enttäuscht werde in der Umkleidekabine. Kennt ihr die Enttäuschung? Na klar kennt ihr sie. Jede Frau kennt sie. Also falls Männer bis hierher gelesen haben, mein Mann bestätigt, dass er diese Enttäuschung auch zu gut kennt. Ich hasse diese Enttäuschung. Diesen Frust. Diese Demütigung eine Nummer größer nehmen zu müssen. Durchgeschwitzt weil du die zehnte Jeans anprobiert hast. Und dann passt die auch nicht. Weil die Jeans vielleicht skinny, highwaist, straight leg oder boyfriend ist. Sorry. Meine Jeans wird nie boyfriend sein. Nicht mal girlfriend. Sie wird nie mein Freund sein. Dafür ist die Umkleidekabinenstory seit Jahren viel zu präsent.

Naja. Jedenfalls ziehe ich die 44 an und die Kabine füllt sich mit einem positiven Gefühl. Mein Belohnungssystem in meinem Gehirn springt sofort an. Sie passt nicht. Ich muss meine Kurven da nicht rein pressen sondern ich habe gar keine Kurven mehr. Ich habe einen gestählten Körper der die 44 nicht mehr nötig hat. Wir tragen jetzt 42. Oder huch, 40. Ich schnappe mir gefühlt jedes Kleidungsstück im Laden, schleppe es in die Kabine und ziehe es an. Über die Schaltzentrale meines Gehirns laufen gerade verrückt gewordene Katzen. Ich gehe nicht gedemütigt aus der Umkleide, sondern erhaben. Erhaben über die Zahlen. Juckt mich nicht mehr.

Und überhaupt erhalte ich nur positive Rückmeldungen aus meinem Umfeld.

Wie gut ich aussehe. Wie krass ich abgenommen hätte. Wie ich das gemacht habe? Kurz denke ich darüber nach, meinen Job an den Nagel zu hängen und ein Buch über meinen Abnehmerfolg zu schreiben. So richtig fame werden. Hab ich aber schnell verworfen. Dafür kommt jetzt ganz legendär dieser Text.

Ich bin erhaben. Nicht nur über die Zahlen. Sondern auch über jeden dicken Menschen. Ich verachte ihre Undiszipliniertheit. Jeder könnte dünn sein. Wenn er es nur wirklich wollte. Wenn er sich nur genug reinhängt. Ich habe es ja schließlich bewiesen. Ich liebe meinen Körper. Das muss also diese Selbstliebe sein, von der in Zeitschriften wie Brigitte geschrieben wird. Und ich habe mir geschworen, nie wieder so dick sein zu wollen. Komme was wolle.

Blick in den offenen Kleiderschrank mit hängenden, bunten Kleidungsstücken und einem Teil zusammengelegten Shirts und Pullovern.
Der tägliche Blick in den Kleiderschrank.

Habe ich mir nur etwas vorgemacht?

Ihr ahnt es. Viele kennen es wahrscheinlich. Und müssen mich an dieser Stelle belächeln. Jeder der schon mal eine Diät erfolgreich beendet hat, steht an diesem Punkt. An dem Punkt sein Gewicht zu halten. Denn ich will ja auch erst mal meinem Erfolg feiern. Und Gönnen können. Genießen. Mal wieder das essen, auf was ich lange verzichten musste. Kuchen. Und Schokolade. Ich wusste nicht mehr wie gut das schmeckte. Ich habe mir eingeredet, dass es mir nicht mehr schmecken würde, wenn ich es probieren würde. Das ich es nicht mehr bräuchte. Vergesst es. I mean. Es ist fucking Kuchen. Fluffiger Schokokuchen, warmer Apfelkuchen mit Streuseln. Wer braucht das nicht?

Schleichend nahm ich über die letzten 2 Jahre wieder 7 Kilo zu. Weg war der ganze Fame. Keiner sagt mir mehr, wie gut ich aussehe. Übrigens wenn mein Mann das zu mir sagt, überhöre ich das gekonnt. Und wenn ich mich selber wieder im Spiegel sehe ist da wieder diese hügelige Landschaft. Weg ist die Selbstliebe. Oder habe ich sie noch gar nicht gefunden? Habe ich mir nur etwas vorgemacht?

Viel schlimmer jedoch ist der Griff in den Kleiderschrank. Der ist voll mit Kleidung die ich in meinem Rausch gekauft habe. Damals. Vor zwei Jahren. Die passen nur noch mit viel rein pressen. Ich beschließe 2020 die Klamotten hängen zu lassen, als Mahnmal das ich nie wieder so dick werden wollte. Das ich da wieder reinpassen würde. Wenn ich mich nur gut genug disziplinieren würde. Jeder Gang zum Kleiderschrank fühlt sich an wie der Gang in die Umkleidekabine in den schlimmsten Tagen. Wie sehr muss ich mich eigentlich selbst hassen? Ich hasse die Klamotten, die da drin hängen, die ich nicht anziehen kann, weil ich nicht reinpasse. Und deshalb hasse ich mich. Jeden Tag bestrafe ich mich mit dem Gang zum Kleiderschrank. Es frustriert mich. Doch 2020 lächelt mich an und schickt den Coronavirus.

Ich meine diesen Endmoränenkörper. Er ist okay. Er ist nicht perfekt.

Ich brauche diese Klamotten nicht mehr. Ha!. Ich brauche nur noch Sweater und Jogginghose. Mit Gummizug. Bäm. Tschüssikowski skinny, highwaist, straight leg, boyfriend Jeans. Bin ja schließlich der Wissenschaft zugewandt und und #stayhome. Die Jogginghose ist bequemer. Für meinen Körper und meinen Geist. Ich muss mich nicht mehr quälen. Körperlich und geistig. Für ein Dreivierteljahr ist mein Problem verschwunden.

Es ist 2021. Corona ist nicht verschwunden. Mein Problem auch nicht. Nur verschoben. Das ist kein Neujahrsvorsatz. Sondern eine Erkenntnis. Ist mir unter der Dusche gekommen. Wie so ziemlich alle guten Gedanken. Vielleicht weil Wasser flussabwärts über meinen nackten Körper läuft. Es bahnt sich den durch jede tiefe Rinne, über jeden Hügel hinab ins Abflussrohr. Es reinigt mich. Meinen Körper und meinen Geist. Und es ist okay. Ich meine diesen Endmoränenkörper. Er ist okay. Er ist nicht perfekt. Muss er auch nicht sein. Ich will es auch nicht mehr. Ich will nicht mehr danach streben das andere Menschen meinen Körper gut finden. Nicht mehr nach der Anerkennung streben bei der es nur um mein Aussehen geht.

Ich will Sport machen weil es mir gut tut. Ich will Essen was mir gut tut. Und das ist ganz oft Kuchen. Und von ganz alleine ist sie da, die Selbstliebe. Und ich werde jetzt Sachen kaufen. Die mir passen. In denen ich mich wohl fühle. Denn Jogginghose und Sweater sind so 2020.

Kuchenstücke liegen auf einer Pappe, halbgeöffnet im Konditorpapier, auf einer Wiese.
Kuchen geht immer

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