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Blogserie Frauen in der Fotografie - Teil 1

Meine Reise als Fotografin

Freitag der 05.02.2021

Ich stehe gerade an der Kasse. In meiner FFP2 Maske sammelt sich die Feuchtigkeit meines Atems. Die Schlange ist länger. Auf dem Einkaufsband schieben sich Tiefkühlhefeklöße, Lausitzer Heidelbeeren im Glas, Dosenbirnen und abgepackte Vanillesoße unaufhaltsam Richtung Kasse. Bisschen trostlos diese Zusammenstellung finde ich. Freitags gibts immer was Süßes zum Mittag. Das handhaben wir schon seit dem letzten Lockdown so. Ein kleines Ritual. Übernommen vom Speiseplan des Essensanbieters der Schule. Ich fühle mich etwas schlecht. Kein gesundes Essen für die Kinder gekocht. Aber etwas für die Seele, denke ich. Braucht es auch gerade. Stelle ich mir doch unaufhaltsam die Frage, was mache ich hier eigentlich? Wozu das Alles? Die existenziellen Fragen rufen sich ins Gehirn um so länger der Lockdown andauert. Ich schaue auf mein Handy. Face-ID funktioniert nicht. Danke Merkel!?! Ich tippe den Code ein und klicke auf mein Emailpostfach. Mail von This is Reportage Family. YOU´VE WON AN AWARD.

Screenshot einer Mail mit dem Text: This is reportage Family. You´ve won an award.
Email von This is reportage family

Ich bin stolz auf mich! Selbstverständlich? Nein!

Von den existenziellen Fragen meiner Arbeit zur Gewinnerin eines internationalen Awards. Binnen 3 Sekunden. Im Konsum. Malste dir nicht aus das Leben.

Ich hüpfe nach Hause. Also in Gedanken zumindest, denn mit zwei Stoffbeuteln voller Hefeklöße und Heidelbeeren macht sich das schlecht. Zuhause lasse ich alles fallen, schreie durch die Wohnung und fange an zu weinen. Meine Familie ist stolz auf mich. Ich bin stolz auf mich. Selbstverständlich. Nein! Spulen wir mal zurück.

Alles begann mit meiner Geburt. Okay. das ist vielleicht etwas zu weit gespult. Beginnen wir mit der Wahl meines Leistungskurs. Kunst. Noch heute werde ich dafür belächelt. Ich hörte Sätze: wie du hast dein Abitur gemalt? Zu was anderem hat es wohl nicht gereicht? Ja, ich habe in meinem Kunstabitur gezeichnet. In der Physikprüfung berechnet man ja auch den Druck.

Ich hörte immer nur: Mach was Richtiges.

Nach dem Abitur war ich so verunsichert, dass ich erstmal gar nicht wusste, was ich wollte. Ich hörte immer nur: mach was Richtiges. Studier was Vernünftiges. Okay. Ging ich zu H&M arbeiten. 40 Stunden Woche. 2 Jahre lang. Danach wollte ich aber wirklich was Vernünftiges machen. Ich fing an zu studieren. Yeah. Diplom Kunstgeschichte (haha, wie ihr jetzt alle die Hände über dem Kopf zusammenschmeisst), KMW und Erziehungswissenschaften. 2 Semester hielt ich durch. Zu viel Theorie. Versuchte ich mal was Praktisches. Ich wurde schwanger. Wie praktisch. Nachdem das Kind 10 Monate alt war begann ich meine Ausbildung zur Mediengestalterin. Das ist doch was Richtiges. Ich hörte Sätze: was willst du damit anfangen? Gibt es wie Sand am Meer. Brotlose Zunft. Ich zog das durch. Es machte mir Spaß praktisch zu arbeiten. Etwas entstehen zu sehen. Hier kam ich auch der Fotografie näher. Entwickelte meine eigenen Filme in der Dunkelkammer. Nahm an Ausstellungen teil. Ich fühlte es.

Nach der Ausbildung kam Kind Nummer 2. Nach 10 Monaten ging es in die Krippe und ich fing an in einem Fotostudio zu arbeiten. Als Mediengestalterin. Aber ich merkte, dass mir das Fotografieren mehr Spaß machte. Und Familien anstrengend sind zu fotografieren. Ich machte den Clown, den Affen, das Monster oder keine Ahnung was um den Kindern ein Lächeln im Studio zu entlocken. Schaut schön in die Kamera und dann blitz ich euch so richtig fies ins Gesicht. Und die Eltern? Die ihre Kinder mit Gummibärchen und Schokoriegel vollgestopft haben um ihre Kinder von dem Fototermin zu überzeugen, gute Mine zum Bösen Spiel machen und gedanklich schon bei dem Zubettbringen der zuckerüberdosierten Kindern sind.

Ja eine Mutter von zwei Kindern ist auf dem Berufsmarkt nicht so attraktiv.

Ihr merkt, gestellte Fotos fühlten sich schon 2009 für mich nicht richtig an. Ich wollte lieber dabei sein, wenn die Eltern ihre zuckerüberdsoierten Kinder ins Bett bringen. Haha. Ende 2009 erreichte auch uns die Finanzkrise und ich wurde betriebsbedingt gekündigt. Ja eine Mutter von zwei Kindern ist auf dem Berufsmarkt nicht so attraktiv. Ich bekam eine Anstellung in der Werbeabteilung eines Bildungsträgers. Innovative Ideen wurden gesucht. Frischer Wind sollte in die eingestaubte Bude. Doch stattdessen landeten meine Entwürfe in den Papierkörben alteingesessener Männer. Die hatten jetzt fachlich keine Ahnung aber mehr Personality. 2013 begann ich nebenbei mich beruflich zu verändern.

Ich habe fotostoff gegründet. Und wie wahrscheinlich bei den meisten "Quereinsteigern" waren meine ersten Aufträge Freunde. Für 300 Euro bin ich dann auch schon mal nach Stuttgart gefahren um eine Hochzeit fotografisch zu begleiten. Natürlich habe ich auch ganz klassisch Newbornfotografie gemacht. Babys in Tücher gewickelt, süße Accessoires auf die Köpfe gesetzt und diese winzigen Geschöpfe in Körbe gelegt. Die ganzen Workshops der Branche nahm ich natürlich mit und kaufte mir auch noch das tausendste Preset um meinen Bildlook dem gängigen Trend anzupassen. Damals waren das noch richtig geile Vignetten und ein mattes Finish. Ich war jetzt auch Homeshooting, -Lifestyle,-Newborn,-Fotografin für Alles. Oder so.

Retrolook. Babybauch einer Mutter. Mutter sitzt im Gras und hölt einzelne Grashalme an den Bauch.
2015 Babybauchbilder Outdoor im Retrolook

Ich kündigte meine frustrierende Anstellung und ging in die Selbständigkeit. Ich hörte Sätze: kann man davon leben?

Meine Bilder sahen aus wie die Bilder meiner Vorbilder. Wie Kopien. Das Ziel erreicht. 2015 hatte ich dann so viele Anfragen, dass ich dachte, ich mach das jetzt hauptberuflich. Die Leute wollen mich. Der Markt wartet nur auf mich. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Ich kündigte meine frustrierende Anstellung und ging in die Selbständigkeit. Ich hörte Sätze: kann man davon leben? Das kannst du ja nur, weil dein Mann so viel verdient.

Doch ich mache mein Ding. Kämpfe auf dem Markt und gegen meine Konkurrenz. Hab gehört das macht man so. In den Büroetagen. Büro ist Krieg. Das brauch ich auch. 2018 merkte ich, das mir etwas fehlte. Das Zwischenmenschliche. Obwohl es doch die ganze Zeit schon vor mir lag. Denn in den ganzen gestellten und angeleiteten Shootings nutzte ich die Zwischenmomente der Familien um sie zu fotografieren. Und es fühlte sich so gut an. Ich hatte dafür keinen Begriff. Keine technische Erklärung für meine Herangehensweise. Meine Kunden liebten es auch. Wünschten sich mehr dieser ungestellten Momente.

Ich wollte mehr darüber wissen. Gibt es auch andere FotografenInnen die so fotografieren? Ich stieß im Internet auf eine winzig kleine deutschsprachige Community aus FotografInnen. Dokumentarische Familienfotografie - Echtes Leben zeigen stand in der Facebook Gruppe. Jo. Echtes Leben zeigen. Das mache ich. Anfang 2019 traf ich in einem Workshop ein Teil der auserlesenen FotografInnen. Eine Offenbarung in jeglicher Hinsicht. Heulend lagen wir uns schon am ersten Abend in den Armen. Denn dass wir den Drang verspüren Familien in ihrem Alltag zu begleiten, scheint schon was fast pathologisches zu haben. Es scheint auf jeden Fall einen Zusammenhang zwischen der eigenen Familiengeschichte und dem dokumentieren anderer Familiengeschichten zu geben.

Ich wusste jetzt also dass ich dokumentarisch Familien begleitete

Ich wusste jetzt also dass ich dokumentarisch Familien begleitete mit meinem eigenen Blick darauf. Und ich wusste, dass es ein Netzwerk gibt an FotografInnen denen es daran liegt, ihr Wissen zu teilen um auf diesen besonderen Bereich der Familienfotografie aufmerksam zu machen. Verrückt. Gemeinsam statt einsam. Also bis 2020. Denn dann hieß es gemeinsam aber in Zoom. Danke Merkel!?! Denn während ich Anfang 2020 noch im Workshop über Storytelling bei Juliana Zuhause sitzen konnte, und ich lernen durfte, dass ich mit meinen Bildern und meinen Worten Geschichten erzähle, und das es eine Gabe ist, kam der Lockdown.

Und ich stellte alles in Frage. Gehe ich zurück in eine Anstellung? Geh ich zurück in die Sicherheit?

Ich lernte wie wertvoll meine Bilder für Familien und die Gesellschaft sind.

Eher zufällig stolperte ich über das Mentoring von Barbara und Julia, alte Hasen in der dokumentarischen Familienfotografie, und beschloss trotz mangelnder Einkünfte, mich darauf einzulassen. Sich der Kritik der eigenen Bilder zu stellen war nicht einfach. Wurde mir doch mein ganzes Leben eigentlich gesagt, das ich nix so richtig gut mache. Mein Selbstwertgefühl sah daher eher aus wie das Antwortblatt meines Matheabitur.

Aber was ich daraus lernte war legend...wartet...legendär. Ich lernte wie wertvoll meine Bilder für Familien und die Gesellschaft sind. Das jedes Bild eine Geschichte transportiert und uns mit meinem Blick darauf etwas von dem Leben der derzeitigen Familien zeigt. Das ist ja jetzt nicht nichts. Das ist etwas ziemlich bedeutsames. Und noch viel bedeutsamer werden meine Bilder, die ich jetzt mache, für die Familien und für die Gesellschaft in vielen Jahrzehnten. Wie verrückt. Irgendwann schauen sich 2114 Menschen meine Bilder an und sagen, schau mal wie es damals war. In unserer Familie. In den Familien in den 2020ern. Ist das abgefahren oder ist das abgefahren. Und noch viel abgefahrener ist, dafür brauch ich keine Filter. Keine Presets. Keinen cleanen Hintergrund. Nur meine Kamera. Und meinen Blick da durch. Ich bin dokumentarische Familienfotografin. Es ist meine Berufung.

Esstischsituation frontal. Vater sitzt gelangweilt auf Stuhl und stützt Kopf auf der Lehne eines weiteren Stuhles ab. Tochter liegt auf dem Boden zwischen Tisch und Stuhl, schaut gelangweilt aus dem Fenster, hält den Teppich fest und zieht die Beine hoch
Award This is Reportage Family in der Kategorie Reportage

Ich habe mich empowert.

Hier stehe ich jetzt. 2021. All diese Sätze, die ich in meinem bisherigen Leben zu meinem beruflichen Werdegang gehört habe, haben mich geprägt. Ich bin in diese Schublade gestiegen. Frau. Kreativ. Selbständig. Mutter. Das ist in dieser Gesellschaft gleichbedeutend mit beruflich nicht existent. Nicht sichtbar.

Das klingt drastisch aber so ist es.

Aber ich kann jetzt akzeptieren an der Kasse zu stehen als Mutter und Hefeklöße zu kaufen und gleichzeitig erfolgreich als Fotografin internationale Awards zu gewinnen. Ich bin aus dieser Schublade gestiegen. Ich habe mich empowert. Kann jetzt ruhig öfter passieren. Kann mir von dem Award jetzt zwar kein Essen kaufen, aber wenn ihr die Leidenschaft in diesem Text gespürt habt und das unbändige Gefühl verspürt mich jetzt buchen zu wollen. Dann los, los. Dann kann ich mir jetzt was zu Essen kaufen und ihr habt Bilder für die Ewigkeit. Win win quasi.

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